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Tischlein-Deck-Dich


Kreta… die griechische Sonne brennt schon im Mai vom azurblauen Himmel herunter. Der Tag ist günstig, die Luft ist klar und rein und ich freue mich auf meinen Ausflug in die Lassithi-Hochebene.

Die ersten paar Minuten im Leihwagen nutze ich, um mich mit dem fremden Auto vertraut zu machen. Das Herz rast, denn gleich geht es hinaus in den griechisch-„gemütlichen“ Straßenverkehr. Die obligatorische Frage an mich selbst lautet: „Ist das nötig, sich in Gefahr zu begeben?“ Die Antwort, die mein Gefühl mir darauf gibt, lautet „Klar…. wozu bist Du sonst hergekommen?“

Dimitri, der gute Hotelgeist, ruft noch „Kalimääära“ und  steckt mir einen Apfel zu.

Der Autovermieter schürt noch ein paar Ängste, seine Sprüche klingeln in den Ohren. Ich habe unbegrenzte Kilometerzahl inklusive, aber rät mir zu max. 150 km am Tag. „Pah… da lohnt sich doch der Wagen nicht“, denke ich noch, lasse den Motor an und reihe mich dann in den Straßenverkehr ein. Es dauert nicht lange, und ich habe den Bogen raus, wie man sich unauffällig im griechischen Straßenverkehr verhält. „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“… diesen Song kennt hier niemand und das Allheilmittel ist die Hupe… Na… wäre ja ein Ding, wenn ich die nicht auch finden würde.

Die Schilder weisen darauf hin, dass ich mich in das Gelände begeben muss… die Straßen sind zusätzliche Wegweiser, weg von den gut ausgebauten Straßen… und die Steigung beginnt…

Irgendwann finde ich mich an der Steilwand wieder, die zum Hochplateau führt. Serpentine um Serpentine schlängele ich mich nach oben, es gibt keine Leitplanken und mein weißer Fiat macht fleißig mit. Kann einer über die Italiener sagen, was er will… Dieses Auto ist Hochplateau-geeignet.

Mehr als 30 km/h kann man hier nicht fahren, mehr ist auch nicht erlaubt… ich werde trotzdem überholt. Naja, ich bin halt nicht so geländeerprobt und unlustig, über das Ziel hinauszuschießen.

Die Aussicht hier oben ist phantastisch… „Der Himmel über mir, und tief unter mir das Land, zu neuen Ufern fliegen, des Menschen Zeit besiegen, das ist schön…. das nenne ich Leben.“… summt es in mir. Die griechischen Windmühlen weisen den Durchgang zur Hochebene. Und dann bin ich da. Die Luft macht Lust zum Aussteigen. Ich lege mich in die Blumenwiese…. Es duftet intensiv nach  Natur, nach einer Vielzahl von Kräutern und Gräsern. Die Vielzahl der Düfte ist atemberaubend, die Luft klar und Olivenbäume stehen vereinzelt auf der Wiese. Zu ihren Füßen blüht der Klatschmohn so rot. Ein Esel steht unter dem Baum und schaut mich befremdet an… Naja. Ich kann das verstehen… ich muss wirken, als wäre ich high, was ich auch bin. Da bekommt das Wort „Höhenluft“ eine ganz andere Bedeutung.

Während ich weiter der Straße folge, die sich wie die Schnur einer Perlenkette im Ring um die begrenzenden Berggipfel des Hochplateaus zieht, komme ich in ein Dorf „Agíós Nikolaos“. Ich steige aus und werde gleich von einer Frau eingeladen, ihr beim Kartoffelschälen zuzuschauen. Ihre kleine Tochter sitzt daneben und wird schon zeitig angelernt. Und auch die Oma bemerkt den Trubel auf dem Hof und kommt hinaus. Mir war gar nicht klar, dass auch in Griechenland Kartoffeln zum Speiseplan gehören, aber es scheint ganz offensichtlich so zu sein.

Ich würde ja zu gern Mäuschen spielen im griechischen Alltag mit Mehrgenerationen-Häusern. In diesem hier leben 4 Generationen. Und auch die Ältesten werden würdevoll behandelt. Ihnen ist eine natürliche Würde zu eigen… hier sind sie Mensch und kein Kostenfaktor mit 5-min-Potenzial. Der Tisch wird gedeckt, ich werde eingeladen und das auf so herzliche Art und Weise, dass ich nicht nein sagen kann. Und es ist mir auch ein Herzensbedürfnis, noch ein wenig länger bei diesen Menschen zu bleiben. Es tut so gut, hier zu sein und so herzlich willkommen geheißen zu werden. Die Lebensfreude dieser Menschen ist erfrischend und ich nehme viel Input für mich persönlich mit. Von so viel Menschlichkeit können wir alle noch etwas lernen.

Ich frage mich, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Antwort folgte auf dem Fuße, denn sie betreiben ein Geschäft mit bestickten Tischdecken im Sortiment. Alles in mühevoller Handarbeit selbst gefertigt. Da muss eine Oma echt lange sticken, um dieses Angebot überhaupt anbieten zu können, und sehr wahrscheinlich wird dies auch genau so sein. Als versteckte Gegenleistung für das Mittagsmahl kaufe ich ein Tischdeckchen für die Lieben zu Hause. Die Gastfreundschaft direkt zu vergelten, das geht gar nicht und wird auch nicht angenommen. Aber wenn ich diesen Leuten etwas Gutes tun kann, dann tue ich das auch. Sie haben nicht viel zum Leben, was man an der Kleidung, an der Einrichtung sehen kann. Aber was sie haben, das ist ganz viel Herz. Und das bleibt in der Erinnerung als kostbarer Moment, besser und nachhaltiger und warmherziger als jedes Souvenir.

Die nächste Station ist eine weitere Perle in der Kette von Dörfern und hier werde ich von einer Frau zum Kaffee eingeladen… wir sitzen draußen im Schatten und sie bringt mir flink wie ein Wiesel ein Kaffee und Kuchen… und wir unterhalten uns ein wenig auf Englisch… auch hier Bescheidenheit in alle Richtungen (Kleidung, Einrichtung) aber von dem bisschen, was diese freundliche Witwe hat, gibt sie mir. Und auch hier wird der Wunsch nach Wiedergutmachung ihrer Gastfreundschaft rigoros abgelehnt.

Ich finde es erstaunlich, wie unterschiedlich unsere Völker sind. Und mir wird klar, wie viel ich diesen Menschen zu verdanken habe, denn angesichts der aktuellen Debatte wird mir hier ganz subtil und auf herzliche Weise ein anderes Bild vermittelt.  Von Menschen, die sich nicht von Propaganda über Besserwisser-Deutsche beeinflussen lassen. Die sich ihr eigenes Bild vis á vis von ihrem Gegenüber machen.  

Die Menschen dieser Generation haben die charakterliche und menschliche Größe, mir und bestimmt auch einigen anderen Menschen deutscher Zugehörigkeit mit offener Gesinnung und mit offenen Armen entgegen zu treten.

Gehst Du mit offenen Augen und mit offenem Herzen auf die Menschen zu, dann wird Dir auch genau das begegnen. Herzlichkeit, Freude, Gastfreundschaft und offene Arme. Wer sehen will, der kann auch sehen, dass die Berichte nicht vom eigentlichen Volk der Griechen sprechen, sondern von Handlungen Einzelner, für die viele Griechen bezahlen müssen, nur nicht die, die den Schaden verursacht haben.

Diese Erinnerungen tragen dazu bei, das ich hinterfrage, schaue, fühle und ohne Angst mich unter Griechen bewegen kann. Denn wie es in den Wald hereinschallt, so schallt es auch heraus.

Zum Abschluss der Fahrt durch die Lassithi-Hochebene geht es steil hinunter durch den Olivenwald, und an einer Kurve am Olivenbaum steht eine griechische Großmutter mit Kopftuch… und ein „Tischlein-Deck-Dich“ hat sie dabei und lacht mich warmherzig an, als ich aussteige. Aus ihren Augen spricht die Weisheit eines langen Lebens und die Gelassenheit, die dem Alter gebührt. Ich kaufe bei ihr Nüsse und könnte sie stundenlang anschauen.

Ob unser einer wohl so zufrieden schauen wird am Ende unseres Lebens? Ich wünsche es mir. Für mich, für meine Lieben und für alle, die es wollen. Mögen sie erwachen und merken, dass ein Miteinander friedlicher ist als ein Gegeneinander. Und dass ein Mensch als Wesen etwas wert ist, ganz egal, ob er alt, krank ist, unabhängig von Nation und Volkszugehörigkeit, von Gesinnung, Religion oder Geschlecht. Dass wir wegkommen von Oberflächlichkeit, Besserwisserei und Standesdünkel.

In diesem friedlichen Gesicht kann ich den Himmel und die Erde sehen. Ein hartes, aber erfülltes Leben, voller Herzensweisheit.

So möchte ich sein, wenn ich alt bin. Mit diesem Frieden und dem Wissen, heute am richtigen Ort und zur richtigen Zeit gewesen zu sein, fahre ich kurvige Straßen bergab, zurück zum Strand und habe Kopf und Herz voller neuer Eindrücke, Gedanken und Erinnerungen.

Auf dass sie unvergessen bleiben sollen.

    „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen,

sondern neue Augen zu haben.“

                                                                                               (Druidenweisheit)

 

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Foto: 

©KunstStück (Nicole Bernfeld)

 


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Ich freu mich auf Dich.


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