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my bonnie is over the ocean


Boot, Segelboot, Meer, Insel, Hafen, Wasser, Ozean, Ostsee, Binnenhafen, Küste, Strand, Kunstfotografie, Wandbild, Einrichtung, Dekoration, Wanddekoration, maritim, Foto:  ©KunstStück (Nicole Bernfeld)
Gordischer Knoten

"My Bonnie is over the ocean, my Bonnie is over the sea,

my Bonnie is over the ocean, oh, bring back my Bonnie to me..."

 

- tönt es im Walzertakt aus dem Autoradio, als ich durch die norddeutsche Landschaft düse...Normalerweise gehört die Aufmerksamkeit auf den Straßenverkehr gerichtet, aber die Erinnerungen an die Zeit auf Santorin sind noch so frisch und vor allem so intensiv, dass ich anhalte und die Gedanken bei diesem Song von ganz allein wieder dorthin zurück fliegen. Ich sehe wieder die schmalen Straßen von Santorin vor mir, kaputter Asphalt, wohin man schaut. Das Geld fehlt überall.

 

  Ich habe mir hier auf Santorin einen Mietwagen genommen, unter Berücksichtigung der Straßenverhältnisse und der Urlaubskasse mich auf einen SMART beschränkt... Oh ja, ich wollte schon immer mal einen Smart ausprobieren... und hier erscheint mir der Zeitpunkt punktgenau richtig zu sein. Angesichts der hier vorhandenen Straßen erscheint mir ein Auto in der Größe eines Platzhirsches auch völlig fehl am Platze... Ein Fahrstil mit heißen Reifen ebenso. Ich freue mich auf den SMART.

 

   Nach dem das Geschäftliche erledigt ist, werde ich in den Gebrauch des Auto´s unterwiesen... die Übernahme erfolgt genau, Lackschäden werden im Protokoll ebenso übernommen wie unsichtbare Kleinigkeiten. Nachdem die Sachen, Fotoausrüstung und dergleichen, im Kofferraum verstaut sind, geht es los... Beim Einsteigen bemerke ich zwei große Risse in der Windschutzscheibe, die hier bei keinem TÜV mehr zugelassen wären... nicht mal mit geschlossenen Augen. Der Vertrag war unterschrieben... so ein ... "verflixt und zugenäht!".

 

   Wassili steht noch in der Nähe. Ich beschließe, ihn darauf hinzuweisen und schriftlich niederzulegen, dass die Risse in der Frontscheibe schon vorhanden waren, bevor ich auch nur einen Meter gefahren bin. Wassili und ich bestaunen die Risse, als der Typ vom Autoverleih noch mal vorüberfährt und schreit, dass die Risse bekannt sind. Zur Sicherheit mache ich ein Foto vom Kilometerstand mit den Rissen im Bild.Und nun geht es los, mit Halbautomatik.

 

   Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass zwischen Automatik und Manuell zu unterscheiden ist.  Was sich ungefähr so gestaltet, als würde ich im 1 . Gang 100 km/h fahren wollen. Das ist Modus "Manuell". Auch, dass ich Gas geben muss, damit das überhaupt Auto anfährt, viel Gas... Der Smart und ich gewöhnen uns jedoch bald aneinander. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und bald flitzen der weiße Smart und ich über enge, kaputte und bergige und abschüssige Straßen. Meine Fahrt zur hoch gelegenen Kirche mit tollem Ausblick lässt sich gut an... die Straße wird immer steiler, immer schmaler. Das kannte ich ja vom Bus. Nur... mit dem Smart ist es auch nicht besser.

 

    Hinter Pyrgos wird die Straße noch besser, sprich: schmaler und steiler. Und wandelt sich langsam zum Weg, der mittlerweile von dichten Wolken eingehüllt wird. Langsam wird es unheimlich. Ich beschließe umzukehren, denn vom tollen Ausblick dort oben werde ich aufgrund der Wolkendichte nicht viel haben, fürchte ich. Wolke 7 stelle ich mir irgendwie auch anders vor. Aber als ich dachte, ich würde damit meinen Adrenalin-Pegel absenken, habe ich nicht bedacht, dass ich auf dieser schmalen Straße würde wenden müssen. Und das zwar mit einem kleinen Auto, aber ohne Servo-Lenkung. Ja... ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mich das kalt lässt, dass sich vor mir die Bergwand und hinter mir der Abgrund befindet. Und ich würde ebenso lügen, wenn mein Puls nicht genügend Zeit hatte, sich bei den mind. 20  Kreuzversuchen auf der schmalen Straße (ohne Servolenkung, wohlgemerkt !) auf 180 hochzuschrauben...Die externe Handbremse spielte dabei auch eine entscheidende Rolle. Denn ich musste ackern wie bei einem Gangschaltung-Getriebe.

 

    Vorwärtsgang einlegen, Handbremse lösen und GAAAAS! Aber nicht zu doll, da vor mir die Bergwand. Lenken, schrauben, mit aller Kraft, aber fix. Rückwärtsgang einlegen. Handbremse lösen und GAAAAS! Aber nicht zu doll, da hinter mir der Abgrund. Und wenig Lust, über das Ziel hinaus zu schießen. Was soll ich sagen... ich lebe noch. Pyrgos ist mir danach hochwillkommen, und die nächsten Ziele ebenso...

 

    Mein nächstes Ziel führt mich nach Oía... und zwar bevor die Kreuzfahrttouristen dort ankommen.  Die Straße führt mich über gefühlte 7 Brücken und Haarnadelkurven und durch die eine oder andere Schrecksekunde. Unterwegs möchte ich Fotos machen und steuere das Auto (wenn man dazu Auto sagen kann) an den Straßenrand. Ich möchte die Fotoausrüstung aus dem Kofferraum holen. Die Fernbedienung wird bedient, aber die bedient nicht die Kofferraum-Verriegelung. Okay - nächster Versuch. Erfolglos. Noch ein Versuch. Erfolglos. Auch mit mehr oder weniger Druck auf den Knopf. Auch mit mehr oder weniger Nähe zum Auto. Auch tanzend nicht. Der Kofferraum zeigt kein Erbarmen. Er bleibt zu. Auch nach gutem Zureden. Mein darauf folgendes Schimpfen, dass das Auto nicht nur einen kräftigen Sprung oder auch zwei in der Frontscheibe hat, sondern auch einen  Sprung in der Schüssel, bleibt auch ohne Ergebnis. Nach einem Stoßgebet an meine himmlischen Freunde, mit der Bitte um Lösung des Problems, bediene ich nochmals die Fernbedienung und "Klack-klack" - der Kofferraum öffnet sich gleich "Sesam , öffne Dich" und gibt seine Schätze preis. Der Foto-Session steht nun  nichts mehr im Wege.

 

   Unterwegs widerfährt  mir noch öfter das Gleiche... der Kofferraum sperrt sich. Und jedes Mal, ob nach 17, 20 oder 3 erfolglosen Versuchen öffnet sich der Kofferraum ausschließlich nur nach einem Stoßgebet. Okay...Die Richtung ist nun klar. Die Obrigkeit möchte gefragt werden, ihr Wunsch ist mir ab sofort Befehl.

 

   Oía erreicht! Das erfahre ich aber nicht anhand eines Ortsschilds, sondern weil ich mich in mitten ganz ganz ganz enger Straßen mit weiß getünchten Mauern im Stau befinde. Ich werde dann langsam auf einen Parkplatz mit Ausblick auf die Ägäis gelotst, wo ich den Smart abstellen kann.  Na mal sehen, wie es jetzt mit dem Kofferraum klappt... was soll ich sagen. Der Chef ist konsequent. Nur so viel dazu.

 

    Mein Fußmarsch dauert nicht lange und ich befinde mich in gleißender Mittagssonne auf der Marmara.  Die Marmara ist eine Marmorstraße, erstellt mit einer Schiffsladung voll Marmor. Der Kapitän wurde diese Ladung nicht los und hat sie Oía zum Geschenk gemacht. Und Oía hat sinnigerweise für die Allgemeinheit den Marmor in Form der Marmara zu einem Weg verarbeitet.

 

   Und nun stehe ich hier. Auf der Marmara. Die Sonne im Zenit. Mit Blick auf die Caldera und kann nur denken: Atlantis lebt! Absolut unfassbar und ein absoluter Traum, die Farben, das Licht, die Höhlenwohnungen in die Krater-Wand gemeißelt, alle in unterschiedlichen Facetten von Weiß. Platzsparend gebaut, das Dach einer Wohnung ist gleichzeitig die Terrasse einer anderen Wohnung. Unterschiedliche Nuancen von blau und grau unterbrechen die betörende Helligkeit.

 

   Völlig selbstvergessen fotografiere ich diese zauberhafte Szenerie. Ab und an werde ich auf die Packesel aufmerksam gemacht, wenn der Führer schreit: "Näää, Madamm!"... ich schiebe mich dann in die zahlreichen Hauseingänge, damit mich kein Huf trifft, wenn der Muli an mir vorüberzieht. Warum Mulis genutzt werden, erschließt sich von selbst. Am Kraterrand ist autofreie Zone. Aber Koffer, Wasser, Dinge des täglichen Bedarfs müssen ihren Weg in die Wohnungen, Hotels und Supermärkte finden. Mulis sind da einfach die ökologische und ökonomische Lösung. Ich sehe allerdings auch zahlreiche menschliche "Packesel", zwei Koffer auf den Schultern balancierend die zahlreichen engen Treppen hinauf und hinunter steigend. Diese Leute müssen sich ihre Taler wirklich schwer verdienen.

 

   An der Marmara zieht mich eine Taverne magisch an... und das nicht nur durch Hunger und Durst bedingt. Hier habe ich  einfach ein extrem gutes Gefühl einzukehren. Die Kellnerin still und unaufdringlich, der Opa auf der Terrasse die Ruhe selbst, das Geschehen betrachtend. Mein frisch gepresster Orangensaft wird umgehend geliefert, währenddessen kann ich in aller Ruhe meine Ausrüstung der Umgebung anpassen. Und den phänomenalen Blick auf die Caldera ungestört genießen. Der liebe Gott und die von ihm geschaffene Natur mit all ihren Kräften haben hier etwas Wunderschönes geschaffen. Kaum zu glauben, dass die Insel ganz früher mal kreisrund war und durch einen Vulkanausbruch gesprengt wurde, so dass nur noch die "Hülse" stehen blieb. Und Menschen kamen und besiedelten diese nun tote Insel wieder und machten aus der Not eine Tugend. Auf ganz wunderbare Weise. Wozu Phantasie und Einfallsreichtum, Glaube, Engagement und Heimatliebe gut sind, kann man auf Santorin in bezaubernder Weise erkennen. Dass Lage und Zauber ihren Preis haben, ist dann nur natürlich.

 

   Und genau das kann ich bei meinem Besuch in einem Supermarkt auch erkennen. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Preise in den Tavernen nicht gerade günstig sind. Auch die Hotelpreise sind nicht günstig. Aber im Supermarkt ist halt besonders deutlich, dass Lebensmittel unglaublich teuer sind. Das wirft die Frage nach der Bezahlbarkeit auf. Nach den Lebenshaltungskosten, die durch die Transportwege, Import und Steuern ja auch zusätzlich preislich belastet werden. Nach dieser Erfahrung wunderte mich nicht mehr, warum ein Crepé in der Taverne bei 5 € startet. Und sie schmeckten phänomenal.

 

   Die Londsa-Burg kann ich nun gestärkt erklimmen. Sie ist einer der schönsten Aussichtspunkte am äußersten Ortsrand von Oía. Von den Ruinen des Kastells aus überblicke ich nicht nur weite Teile der Caldera, sondern habe auch einen ungestörten Blick auf die Nachbarinseln. Der Rückweg gestaltet sich unter diesen Eindrücken als Klacks... mal abgesehen vom Aufleuchten der Motorlampe im Auto... beunruhigt fahre ich nun die nächste Tankstelle an, da ich auch tanken muss.

 

   Der Benzinpreis: 1,79 € / l zzgl. 23% MwSt. Preismäßig kann mich hier einfach kaum noch was schocken. Der Tankwart betankt das Auto gemäß meinen Angaben zum Budget. Bei der Gelegenheit frage ich ihn gleich, was die Motorlampe zu bedeuten hat. Er meinte "NO PROBLEM"... naja, sein Wort in Gottes Hand. Ich fahre dann weiter, nachdem ich ein Foto von der aufleuchtenden Motorlampe gemacht habe. Unterwegs in Fíra habe ich den Eindruck, mich verfahren zu haben. Die Straße ist grottig... die Sprünge in der Scheibe geben mir zu denken. Ich fahre auf einen Parkplatz und mache den Motor aus... ein  bisschen zur Ruhe kommen und nachdenken. Vor allem, weil ich den Rückwärtsgang auch nicht mehr einlegen kann... der Adrenalin-Spiegel muss sich doch senken lassen.... ein paar Minuten gelassen die Augen schließen und dann... weiter geht´s. Ich starte den Motor, versuche den Rückwärtsgang einzulegen. Wieder Fehlanzeige. Okay. Also wieder SOS an die himmlische Gesellschaft. Ich gehe in mich und flüstere in Gedanken: "Lieber Erzengel Michael und liebe zuständige Abteilung für diesen Smart und meine Wenigkeit, ich bitte Euch, löst dieses Problem."

 

   Nach einigen wenigen Augenblicken starte ich den nächsten Versuch. Der Rückwärtsgang geht ohne Probleme einzulegen, ich gebe Gas, aber nicht zu doll, und steuere den Smart wieder auf die Straße. Zufällig habe ich dann auch die richtige Straße erwischt und Perissa ist nicht mehr zu verfehlen.

   

Nachdem ich das Auto abgestellt habe vor dem Hotel, und das Foto von der Motor-Leuchte mit Wassili und Leonidas durchdiskutiert habe, unternehme ich noch einen Spaziergang am Meer. Dort kann ich den lauen Abend genießen, als mir 3 schwarzbraune Pferde am Strand im vollen Galopp entgegen kommen. Vor dem gerade wirklich beachtlichen Wellengang des nun petrolfarbenen Wassers und dem dunkelgrauen Lava-Sand-Strand eine eindrucksvolle Szenerie. Um nicht unter die Hufe zu kommen, trete ich den Fluchtweg an. Nein, nicht ins Wasser! Die fliegenden Pferde sind schon ganz nah und ohne sichtbare Beaufsichtigung am Strand vor wilden Wellen entlang galoppierend. Mein Fluchtweg geht daher Richtung weißer Sonnenliegen, die sich deutlich vom dunkelgrauen Sandstrand abheben.

 

  Der Anblick hat etwas Magisches und Wunderschönes. Fliegende Pferde am Strand im Licht der untergehenden Sonne... diese Insel bietet so viel Seelisches Futter. Eine Insel, um gläubig zu werden, wenn man es noch nicht ist. Eine Insel, um gläubig zu bleiben, wenn man es schon ist. Ich habe zeitlebens Glauben an die obrige Etage gehegt und meinen Glauben mit der Taufe im Jahr 2012 bekräftigt. Und hier auf dieser Insel so viel Bestätigung erfahren, dass Zweifel gar nicht erst aufkommen können. Diese Insel hat eine einzigartige Atmosphäre, die es möglich macht, am Strand in meditativer Stille zu versinken und selbstvergessen das DASEIN zu genießen. Dieses Bild der fliegenden Pferde am Strand im Herz verankert, spaziere ich weiter durch den Ort und entdecke ein Schild "NO PARKING" im Santorini-Style.  Dieses Bild hat es mir sehr angetan. ;o)

 

Bild Parkverbot, Schild, Esel, Foto:   ©KunstStück (Nicole Bernfeld)
Parkverbot auf Santorinisch

Nicht parken, sondern weiterfahren, der Blick schweift nun wieder durch die norddeutsche Landschaft, das Lied "My Bonnie is over the ocean" lässt die letzten Takte erklingen und im Herzen spüre ich tiefe Dankbarkeit für diese wundervolle, intensive, aufregende Zeit mit wundervollen Menschen, die mir  dort hilfreich zur Seite standen. Meine Zeit auf Santorin ist nun zu Ende, aber unvergessen. "My Bonnie is over the ocean"... ob ich nochmal dorthin reisen werde? Das wäre schön. In diesem Sinne "Auf Wiedersehen".

*

"Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr.

Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art."

                                              Dalai Lama

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©KunstStück (Nicole Bernfeld)

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