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Schattenreich


Griechenland, Kos, Makro-Aufnahmen, Nah-Aufnahmen, Kunstfotografien. Stillleben, Wandbilder, Wandschmuck, Designerstücke, Foto:  ©KunstStück (Nicole Bernfeld)
Schattenreich

"Erdbeben auf Kos" in den Nachrichten... auf allen Kanälen, und dann fallen mir die Erlebnisse auf dieser schönen Insel wieder ein.

 

So geschehen in Plataní - nur ein paar Kilometer von der Inselhauptstadt Kos entfernt...

ein winziger Ort mit mehreren Religionen... und dennoch nicht gespalten...

Einen schönen Einblick in diese hier gelebte Religionsfreiheit mit Moslems, Juden und Christen bieten die Friedhöfe des Ortes,

in diesem Fall der arabische Friedhof mit vielen alten Grabsteinen ausgestattet, verziert und beschriftet in arabischer Sprache.

 

Es ist schön schattig hier und so ruhig, dass ich meinen eigenen Gedanken lauschen kann. Die griechische Sonne strahlt vom blauen Himmel und ihr helles, weiches Licht wird durch das Geäst der auf dem Friedhof wachsenden Bäume unterbrochen...

die Schatten sind kurz, denn die Sonne steht auf dem Höhepunkt ihres täglichen Wirkens.

 

Zufrieden wandle ich zwischen den Grabsteinen umher und habe noch das Quietschen des Eingangstores in den Ohren, welches mir die vergangene Zeit und die sicher zahlreichen Öffnungen und Schließungen dieses Tores vor Augen hält...

die Leben, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben und ihre Lieben, die sie  besuchten.

Wie viel Zeit wir eigentlich mit Banalitäten und Kartenhäusern verschwenden,

wo es doch im Leben nur um eines geht:

Glücklich zu sein und zu lieben.

Alles Weitere für ein erfülltes Leben ergibt sich daraus.

Für die hier ruhenden Seelen und auch für alle anderen hoffe ich, dass sie genau das waren: 

Glücklich und geliebt.

Ein weiteres Mal öffnet und schließt sich das Tor, ein letzter Blick über die Mauer auf die Grabsteine.

Ich bin zufrieden, denn in diesem Ort und an dieser Stelle wurde der Beweis angetreten,

dass ein friedliches Miteinander zwischen den Menschen und ihrem Glauben möglich ist.

Und wie wir glauben, so wird uns geschehen.

 

Meine Schritte lenken mich zu einer türkischen Taverne - ein Familienbetrieb, wie mir scheint.

 

Die Eingangstür ist nicht der Gastraum, welcher unter zahlreichen Platanen sich angenehm schattig präsentiert... nein!

Die Eingangstür führt in die Küche.

Dort sitzt die ganze Familie zusammen und bereitet das Essen der Gäste vor.

Alle sind eingespannt, von der Uroma bis zu den hilfreichen Kindern.

Und vor allem sind sie gespannt, in welche Töpfe ich wohl schauen werde.

Ich werde eingeladen, in die Töpfe zu schauen und mir dort das Essen auszusuchen.

Und es sieht so appetitlich aus, dass ich wirklich Hunger bekomme.

Es gibt keinen Grund zu irgendwelchen hygienischen Beanstandungen,

wobei ich auch glaube, dass "Klinische Keimfreiheit" nicht wirklich etwas mit Lebensfreude und Appetit zu tun hat.

 

Alle Augen, aus lächelnden Gesichtern auf mich gerichtet, warten gespannt auf meine Entscheidung, welche ich aus dem Bauch heraus treffe... warum auch nicht?

Liebe geht halt durch den Magen, und ich liebe dieses Essen schon jetzt.

Ich würde sagen, mein Bauchgefühl hat mich nicht getrogen...

 

Von der Küche aus geht es dann nach vorne, zu einem schattigen Plätzchen auf wackligen Stühlen und Tischchen... Im Nu ist der Sohn des Hauses bei mir und nimmt die Bestellung auf, die da lautet: "Von allem ein bisschen"... und den Retsina dazu.

Das "Tischlein-Deck-Dich" macht seinem Namen alle Ehre... im Nullkommanix bin ich mit allem Möglichen versorgt, ein Lächeln und beste Wünsche für dieses Mahl obendrein... Das Essen schmeckt himmlisch und das Schauspiel auf dem Dorfplatz sorgt für gute Unterhaltung... es ist immer wieder schön, das tägliche Leben von Menschen zu beobachten.

Wie sie miteinander umgehen, mit welchem Temperament sie sich streiten und lieben, sich begrüßen und sich verabschieden.

 

Als der Kellner dann die angeforderte Rechnung bringt, bin ich schon sehr gespannt auf weitere Einblicke in dieses Dorfleben.

Die Kamera um den Hals, so stapfe ich gestärkt weiter durch schmale Gassen,

an Vorhöfen und Hinterhöfen vorbei und finde so manches interessante Foto-Motiv.

 

Mit einmal tippt mir jemand auf die Schulter, als ich wie immer selbstvergessen durch den Sucher blicke....

natürlich dann gerade nicht in die Richtung, aus der das Tippen kommt.

Ich drehe mich um und sehe eine Omi mit kullerrunden dunklen Knopfaugen und weißem gelocktem Haar.

 

Sie reicht mir mal gerade auf Schulterhöhe, wenn ich ihre weit abstehenden Locken mit dazu zähle.

Und ihr freundliches Gesicht wird durch ein einladendes Lächeln gekrönt, mit welchem sie ihren einzigen Zahn präsentiert.

Ich fühle sofort eine Verwandtschaft zu ihr,

und deshalb folge ich ihrer Einladung, als sie mich "am Schlafittchen packt" und freundlich zu ihrem Haus dirigiert.

 

Dort angekommen, präsentiert sie mir die auf dem Vorhof stehende Schaukel und deutet mir an, dass ich Platz nehmen soll... Flugs hatte ich ein Glas Wasser und ein bisschen Gebäck vor mir, der Enkel wird dazu geholt und so können wir uns ein wenig unterhalten. Ich werde eingeladen, das Hausinnere zu begutachten, dort ist es dunkel und spärlich eingerichtet. Es wundert mich nicht, dass die Griechen ihre Zeit am am liebsten draußen verbringen. Ebenso werde ich eingeladen, die Kunstwerke an der Hauswand zu begutachten und zu bestaunen. Ich erfahre, dass diese Malkunst ihr Sohn gefertigt hat. Nachdem gebührender Applaus und Respekt gezollt wird, nehmen wir auf der Schaukel wieder Platz.

 

Und nun wird es sehr still, die Omi und ich sind allein auf weiter Flur.

Die Zeit bleibt scheinbar stehen. Es beginnt eine nonverbale Kommunikation...

mehrfach absolut synchron schauen die Omi und ich uns an,

lächeln von einem Ohr zum anderen und blicken absolut synchron wieder auf das Geschehen auf der Straße.

 

Was hier passiert, ist ein Gespräch ohne Laute, ohne Buchstaben, ohne Stimme.

Und doch von Herz zu Herz. Ich empfinde diesen Moment als "Herzflüstern". Eine Gnade, wenn mir das passiert, ein Grund zur Freude.

Und ich sehe, diese  Omi empfindet es genauso. Ihre aussagekräftigen Augen sind auf mich geheftet und drücken Staunen aus.

 

Dieser Moment dauert nicht lange, aber ich fühle, dass ich ihn nicht vergessen und ich mich öfter fragen werde, ob diese Omi wohl noch lebt... manchmal möchte ich nachsehen und mich vergewissern. Aber selbst, wenn sie nicht mehr leben sollte, in ihren Augen hab ich gesehen, dass alles gut ist. Dass sie ein gutes Leben hatte, trotz Weltkrieg und vielleicht auch trotz mancher privater Katastrophen.

 

Sie ist glücklich und hat geliebt, das konnte ich deutlich sehen. Und sie liebt bestimmt noch immer. Und als ich nun wieder in den Mietwagen steige, habe ich einmal mehr das Gefühl wie bereits auf dem Friedhof "wie Du glaubst, so wird Dir geschehen"... der Tag ist angefüllt mit schönen Momenten, unspektakulär für einige andere... kein Bungee-Jumping, keine Segel-Regatta, kein Tiefsee-Tauchen - aber eine Begegnung von Mensch zu Mensch. Und das ist mir sehr viel wichtiger.

 

Und solche Begegnungen gehen für mich auch in die Richtung Tiefsee-Tauchen, da sie nicht von Oberflächlichkeiten geprägt sind, sondern von tiefem Herzwissen, von einer Prise Magie, von einem Hauch des Unbekannten, einem Glas voll Zeitlosigkeit, von Begegnungen zwischen alt und jung, wie sie bei uns zu Hause nur höchst selten passieren.

~

Wieder einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, hier in Plataní...Dieses nehme ich mit in meinen Alltag, und das Wissen, dass ich mich in solchen Momenten sehr zu Hause fühle, angekommen und unglaublich authentisch.

Ich bin optimistisch, dass mir noch mehr gnadenvolle Momente bevorstehen, denn "wie ich glaube, so wird mir geschehen". Mit diesen Gedanken lasse ich den Motor an und verlasse den Ort auf der Straße nach Süden.

 

Was von mir hier bleibt, ist der aufgewirbelte Straßenstaub, der sich bald legen wird und hoffentlich ein kleiner Platz in der Erinnerung der alten Dame.

 

In diesem Sinne: Adio und Auf Wiedersehen!

 

~

 

Foto & Bericht:  ©KunstStück (Nicole Bernfeld)

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